Eine amerikanische Tragödie!?

Alle waren sich so sicher. Nach einem turbulenten anderthalbjährigen Wahlkampf schien es kurz vor dem 8. November 2016 nur ein mögliches Ergebnis zu geben: Hillary Clinton. Die Umfragen, allen voran Nate Silver, die New York Times, die Washington Post – alle, alle hatten mit einem sicheren Wahlsieg der Demokratin gerechnet. Und alle lagen falsch.

Eine erste Ahnung, dass auch ein anderer Ausgang der Wahl möglich sei, hatte ich am 26. Oktober, als ich mit der Schriftstellerin Esther Dischereit, die ich zu einer USA-Lesereise eingeladen hatte, durchs ländliche Virginia ins Shennondoah Valley fuhr: neben Farmen, Kühen und restaurierten Schlachtfeldern des amerikanischen Bürgerkrieges war dort ein Meer von Trump/Pence-Schildern zu sehen. Für den (Klein-)Städter aus Fredericksburg, der auch sonst meist nur andere Städte in den USA zu Konferenzen besuchte, was dies eine Ernüchterung. Sollte es wirklich möglich sein, dass die Menschen für einen rassistischen, sexistischen, politisch unerfahrenen Prahler und gegen ihre eigenen Interessen abstimmen würden? Dachten diese Menschen wirklich, dass ihre nach Übersee verlorenen Arbeitsplätze wieder zurückgewonnen werden könnten? Dass durch Handelsbarrieren und strengere Zollbestimmungen der gewerbliche Arbeitssektor, der trotz lächerlichem Mindestlohn in den USA immer noch teurer war als in asiatischen Ländern, wieder wachsen würde?

Auf welche Zeit referierte dieses „Make America great again“? – Die 1980er Jahre von Reagan und Kaltem Krieg? Die 1950er Jahre der Kommunistenhatz und Rassentrennung? Auf eine Zeit, als der Mann das Brot verdiente und die Frauen in der Küche, die Schwarzen in den Ghettos und die Schwulen und Transsexuellen im Closet blieben? Als es mit der Sowjetunion und dem Ostblock noch einen einfach zu identifizierenden Feind gab? Leider ist das Leben im 21. Jahrhundert komplexer geworden.

Und daher scheint mir, dass dieser Wahlsieg auch eine direkte Folge eines anderen ist: George W. Bush in 2000. Dessen Gesetz „No Child Left Behind“ (Kein Kind zurücklassen) von 2002, dass Kinder in den Schulen einem ständigen Test-Zyklus unterwarf, der kaum noch Zeit zum Unterrichten ließ, hat nun die Wähler von 2016 hervorgebracht: kein kritisches Hinterfragen von Prozessen und Autoritäten, keine Kreativität mehr. Das Schulsystem bis hinauf in die Universitäten muss sich nun ständig rechtfertigen, was die Job-Relevanz von einzelnen Hauptfächern, ja sogar von bestimmten Kursen sei. Es ist auch diese eingleisige Business-Haltung, die Donald Trump Auftrieb gab. In einer Zeit von komplexen Unwägbarkeiten, beruhigt es, wenn einem einfache Lösungen versprochen werden. Folge dem Rezept und du wirst erfolgreich sein. Die öffentlichen Universitäten, die von der Finanzierung durch die Politik abhängig sind, werden derweil zu Kaderschmieden fürs mittlere Management degradiert.

Und wenn wir schon von Bildung sprechen: die Folgen einer Präsidentschaft, die Erderwärmung und Evolution als Quatsch abtut, sind auch international noch gar nicht abzusehen. Was sagt es über ein Volk, wenn es solche Männer wählt? Die Herabwürdigung von Wissenschaft, von akademischer Bildung wird nur zu einer weiteren Verdummung der breiten Masse und des öffentlichen Diskurses führen. Die Eliten auf beiden Seiten des politischen Spektrums werden unterdes weiter teure Privatschulen und –universitäten besuchen, sich gegenseitig mit Geld und Jobs bestechen und die Macht fest im Griff behalten. Auch wenn Donald Trump dieses Mal die Stimmen der Weißen ohne Ausbildung (O-Ton Trump „I love the uneducated“ [I liebe die Ungebildeten]) mit dem Versprechen bekam, mit dem politischen Establishment in Washington gründlich aufzuräumen, das wird wohl kaum passieren.

Und hier sehe ich den Silberstreifen am Horizont: Die demokratischen Strukturen sind in diesem Land zum Glück so tief verwurzelt, dass es hoffentlich auch diese „amerikanische Tragödie“ (The New Yorker) überleben wird.

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